Sind Emotionen ein schlechter Ratgeber?

Manfred Hübner im Gespräch mit Jessica Schwarzer. Das Interview wurde im Rahmen einer Artikel-Recherche von Frau Schwarzer für einen Beitrag auf capinside.de geführt.

JS: Emotionen sind ein schlechter Ratgeber an der Börse - Wahrheit oder Mythos?

MH: 80% aller Kursschwankungen sind fundamental nicht erklärbar, folgerte Nobelpreisträger Prof. Shiller schon in den 80er Jahren. Sie sind nur erklärbar durch den großen Einfluss von Emotionen auf das Anlageverhalten von Menschen. Und Emotionen sind unsere ständigen Begleiter, es gibt praktisch keine emotionsfreien Entscheidungen. Das Besondere: wenn wir unter einem starken Eindruck von Emotionen stehen, schaffen wir es nicht, uns gegen sie zu entscheiden, selbst wenn wir wissen, dass wir uns eigentlich anders entscheiden sollten. Der Weg zu erfolgreichem Anlegen besteht unseres Erachtens jedoch darin, starken Emotionen zu widerstehen, uns gar über sie hinweg zu setzen! Warren Buffett sagte deshalb zu Recht: „Sei ängstlich, wenn andere gierig sind. Und sei gierig, wenn andere ängstlich sind“. Wer es schafft, aufbauend auf solidem Wissen, seine Emotionen zu kontrollieren, hat definitiv bessere Aussichten auf Anlageerfolg.

JS: Investoren können die Emotionen der anderen aber auch nutzen, wie funktioniert das?

MH: Hier kann die sogenannte Sentimentanalyse helfen. Durch Umfragen, wie die führende sentix Umfrage, kann man ein repräsentatives Stimmungsbild ermitteln. Wenn dann viele Anleger „bullish“ oder „bearish“ sind, lohnt es sich konträr zu denken und Buffetts Erfolgsformel anzuwenden. Leider meinen viele Anleger, sich den Blick auf solche Daten ersparen zu können und halten ihre eigene Stimmungslage für repräsentativ. Das ist brandgefährlich. Nur weil man selbst Angst hat, bedeutet dies nicht, dass dies für andere auch gilt. Die Börsenweisheit „Greife nie in ein fallendes Messer“ ist ein Ausfluss dieser unzutreffenden Verallgemeinerung.

JS: Wie genau sind Sentiment-Analysen? Wie hoch ist die Fehlerquelle?

MH: Wie bei jeder Analyseform stellen auch Stimmungsanalysen nicht den Blick in die Glaskugel dar. Es zeigt sich aber, dass die Sentimentanalyse gerade dann große Vorteile bietet, wenn es im wahrsten Wortsinne emotional an den Märkten wird, also große Schwankungen oder eine undurchsichtige Datenlage vorherrschen. Denn wo Wissen fehlt, nehmen die Emotionen überhand. Sehr gute Trefferquoten haben wir für Kaufsignale ermittelt, die durch negative Stimmunsgextreme angezeigt werden. Hier sind gemäß unserer Analysen Trefferquoten von über 80% möglich. Insgesamt verzichtet ein Anleger jedoch auf einen Großteil verfügbarer Information, wenn er nur auf die Stimmungen der Anleger achtet. Menschliches Denken und Handeln ist nicht nur durch Emotionen bedingt. Anleger wissen auch etwas und ihre Handlungen, gemessen in Positionierungsdaten, sind ebenfalls wichtige Größen. Erst diese drei Felder zusammen, Wissen, Stimmung und Anlegerverhalten, ergeben ein vollständiges Bild für eine verhaltensorientierte Kapitalmarktanalyse. Das ist der Grund, warum unsere Datenbank inzwischen aus über 1.000 Indikatoren besteht, quasi für jeden Markt und „Stimmung“ der passende Index.

JS: Funktioniert es, eine Anlagestrategie ganz oder überwiegend auf Sentiment-Analysen aufzubauen?

Ein Blick auf unsere Fonds und die Performance in den letzten Jahren belegt dies klar. Der Erfolg unserer Strategien ist nicht nur in absoluten Zahlen und der relativ hohen Positionierung in den jeweiligen Vergleichsgruppen abzulesen. Ein unterschätzter Vorteil eines Sentimentansatzes wie wir ihn umsetzen ist, dass wir natürlich auch nicht alles richtig machen. Aber wir machen unsere Fehler in der Regel zu anderen Zeiten wie unsere Mitbewerber. Was sich ein wenig spaßig anhört, hat einen gewaltigen Vorteil für Investoren: die sentix Fonds diversifizieren exzellent. In der Fachsprache nennt man das „uncorrelated alpha“. Und das suchen professionelle Anleger wie die Nadel im Heuhaufen.